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15. Januar 2010

Trauerrede zur Beerdigung von Caroline Boss

Liebe Leserinnen, liebe Leser

„Ich begriff, dass Krebs kein Grund ist, sich aufzugeben. Im Gegenteil: Er ist ein Grund, das Leben erst recht zu beginnen”, hatte Caroline Boss gesagt und damit auch anderen immer wieder Mut gemacht.

Mit dem Einverständnis ihres Mannes veröffentlichen wir hier die Trauerrede, die an ihrer Beerdigung am 12. Januar 2010 von Hans-Peter Negele, einem engen Freund, vorgelesen wurde:

„Liebe Familie, Freundinnen, Freunde und Bekannte von Caroline,

Sie liebte es - das Leben.

Sie genoss es - das Leben.

Sie wird es vermissen  - das Leben.

Caroline liebte so vieles an ihrem Leben: Sie liebte es, im Wald spazieren zu gehen, die Bäume zu riechen und das Laub rascheln zu hören; sie liebte es, Mantarochen und Delphinen bei ihrem Spiel zuzusehen, weil sie ihr dabei von der Stimmigkeit des Lebens und des Todes erzählten; sie liebte es, sich morgens um halb vier eine heisse Schokolade zuzubereiten, und sie liebte es, sich jeden Donnerstag morgen mit ihrer Mutter Irene und ihrer „Gotta” Sonia zum gepflegten Damenklatsch zu treffen.

In ihrem Internet-Tagebuch, das sie während der vergangenen zwei Jahre führte, schrieb sie:

„Ich halte mich so gut es geht an die geschenkten, wundervollen Tage. Glücklicherweise gibt es so viele von ihnen - das einzige was es dazu braucht, ist, mit offenem Herz, Augen und Ohren durchs Leben zu gehen.”

„Sehr dankbar bin ich auch für jeden Morgen, an dem ich aufstehen kann, und ich freue mich, wenn ich abends, nach einem gelebten Tag, ins Bett fallen darf und sofort einschlafen kann.”

„Ich bin glücklich, die Welt mit meinen jetzigen Augen und meinem Bewusstsein sehen und geniessen zu dürfen.”

Caroline wurde am 16. September 1965 als Tochter von Irene und Fridolin Wille geboren.  Zusammen mit ihrem Bruder Marco wuchs sie in Vaduz auf, wo sie auch die Schule besuchte und ihre Berufslehre absolvierte. 

Caroline war es stets ein besonderes Anliegen gewesen, anderen Menschen zu helfen. Deshalb wandte sie sich in späteren Jahren beruflich der alternativen Gesundheitstherapie zu, bildete sich immer wieder in neuen Fachgebieten weiter und war über mehrere Jahre hinweg als Therapeutin tätig.

1987 brachte Caroline ihre Tochter Gioia zur Welt, zwei Jahre später folgte ihr Sohn Mike. Ihre Kinder zählten für Caroline zum Wichtigsten in ihrem Leben, und sie freute sich zusehen zu können, wie sie älter wurden und zu selbständigen Erwachsenen heranwuchsen.

Im Januar 2008 wurde Caroline „Nana”, und ihr Enkelkind Natalia war für sie der Sonnenschein, mit dem sie viele innige - und natürlich auch witzig chaotische - Stunden erleben durfte.

Im Januar 2002 wurde bei Caroline Brustkrebs diagnostiziert. Die Krankheit war zu jenem Zeitpunkt bereits stark fortgeschritten und galt als medizinisch unheilbar. Caroline sagte jedoch:

„Ich begriff, dass Krebs kein Grund ist, sich aufzugeben. Im Gegenteil: Er ist ein Grund, das Leben erst recht zu beginnen.„

Sie hatte einen pechschwarzen Humor, den der Krebs oft zu spüren bekam. So nannte sie ihn „ihren Untermieter”, dem sie in der Folge mehrmals kündigte und mit dem sie sich so manchen Kampf lieferte. Sie drohte ihm grimmig, dass bald nichts mehr von ihr übrig sei, wenn er sich weiterhin so unflätig benähme - und dann, was bitte, würde er dann tun? Ihre Hirnmetastasen waren für sie eine „saublöde Sache”, und der rechteckige Streifen auf ihrem Kopf, auf dem nach unzähligen Bestrahlungstherapien partout keine Haare mehr nachwachsen wollten, war für sie eine perfekte Landebahn für irgendwelche ausserirdischen Flugobjekte.

Sie trug konsequent schwarz, weil sie fand, dass dies zu ihrem Typ passte, malte sich ihre Lippen selbstbewusst starkrosa, zelebrierte ihre „Louboutin”-Schuhe, naschte „Raffaello”-Pralinen und genoss ihr Samstagmittags-Bier. Und im Gegensatz zu manchen Frauen liebte sie ihre Geburtstage. Sie betrachtete sie nicht als gnadenlose Beweise des Älterwerdens, sondern als Zeugnis dafür, dass ihr wieder ein Jahr geschenkt worden ist, und dass nun ein neues, aufregendes und wunderbares bevorstehen würde.

In ihrem Umgang mit der Krankheit war Caroline ein Vorbild für alle. Sie hatte die seltene Gabe, selbst im Düstersten etwas Tröstendes zu sehen und selbst dramatischsten Situationen einen Schuss Selbstironie einzuimpfen. Und sie war weise. Diese Weisheit war auch immer wieder in ihren Texten spürbar, mit denen sie über die Website der Zeitschrift annabelle eine grosse und treue Leserschaft erreichte, die Woche für Woche mit ihr litt, sich mit ihr freute, mit ihr mitfieberte - und sich nicht selten auch von ihr trösten und inspirieren liess.

Caroline schrieb ihre Texte jeweils am Sonntagnachmittag und schaltete sie spätabends auf. So waren ihre Texte für viele Leserinnen und Leser oft das erste, was sie am Montag mit dem Frühstückskaffee zu sich nahmen, eine lieb gewonnene Gewohnheit, die sie in die neue Woche geleitete.

Caroline war ehrlich. Zwar liess sie es sich nie anmerken, wenn es ihr schlecht ging, und sie war schon gar nicht weinerlich. Aber sie machte nie einen Hehl daraus, was in ihrem Inneren vorging. Sie glaubte fest an ihre Schutzengel (Engelsfigürchen waren übrigens ihre liebsten Sammelobjekte), und daran, dass der liebe Gott seine Arbeit schon recht machen würde, daran, dass es so kommen würde, wie es kommen muss.

Trotz ständiger Spitalbesuche, zu denen sie oft von ihrer besten Freundin Hanni begleitet wurde, und den Behandlungen während all der Jahre, hatte Caroline eine gute Lebensqualität. Dafür sorgte vor allem auch ihr Mann Leslie. Danke Leslie, dass du Caroline dies ermöglicht hast.

Sie heirateten im Jahr 2003, ein Jahr nach der Diagnose. Die Hochzeitsfeier auf einer Karibikinsel war einer der Höhepunkte in Carolines Leben, genauso wie die grosse Feier zu ihrem 40. Geburtstag im September 2005.

Caroline liebte die Zweisamkeit mit ihrem Mann. Sie erkundeten die Welt, machten spontane Städtereisen, besuchten Rockkonzerte und Restaurants, genossen es aber ganz einfach auch, gemütliche Abende bei sich zuhause zu verbringen.

Oftmals durften meine Lebenspartnerin Andrea und ich - Caroline nannte uns liebevoll „Hampas” - sie und Leslie begleiten. Heute, vor genau vor einem Monat, besuchten wir gemeinsam dem Klitschko-Boxkampf in Bern. Es war ein besonderer Abend. Nicht wegen des Boxkampfs, sondern weil es unser letzter Abend mit Caroline werden sollte. Wir sind ein super Team gewesen.

Trotz aller Widerwärtigkeiten von Seiten ihres „Untermieters” tauschte  Caroline auch mit ihren Freundinnen höchst interessiert und engagiert Neuheiten aus. Zudem liebte sie es, über das Leben zu philosophieren. So schrieb sie:

 „Besonders glücklich bin ich an jenen Tagen, an denen ich merke, dass ich Spuren hinterlassen habe. Weil ich ein gutes Gespräch geführt habe oder Trost spenden konnte. Oder einfach nur herzhaft gelacht habe bei einem Kaffee mit einer lieben Freundin.„

Im Oktober 2006 wurden die gesundheitlichen Beeinträchtigungen so stark, dass Caroline ihre berufliche Tätigkeit vollständig aufgeben musste. Die darauf folgenden Chemotherapien schwächten ihren Körper so sehr, dass ab Sommer 2009 keine wirksamen Behandlungen mehr möglich waren. Dennoch gab sie die Hoffnung nicht auf, klammerte sich bis zuletzt an „einen Strohhalm, der vielleicht trotz allem zu einem Baumstamm anwächst” und ihr die Energie geben würde, weiterhin durchs Leben zu balancieren. Und selbst in dieser Situation war sie voller Esprit und Humor.

In ihrem vorletzten Tagebuch-Eintrag schrieb sie:

„Ich nehme es wie ein Fröschchen, ich hüpfe von einem Steinchen zum anderen. In meinem eigenen Tempo. Vielleicht schaffe ich es auch dieses Mal ans andere Ufer. Es wird sich herausstellen. Und unterwegs gibt es ja so viel Wunderbares und Zauberhaftes zu sehen.”

Im Herbst letzten Jahres gewann die Krankheit endgültig Überhand: Am 14. Dezember musste Caroline ins Spital eingeliefert werden. Ihr grösster Wunsch, nochmals nach Hause zu können, erfüllte ihr Leslie am 22. Dezember. In den letzten Wochen hatten ihre Liebsten Gelegenheit, sich von Caroline zu verabschieden.

 

Am 7. Januar 2010 um halb 12 Uhr schlief Caroline in den Armen von Leslie friedlich und ohne Schmerzen ein, so wie sie es sich gewünscht hatte.

Nun hat Caroline ihre letzte grosse Reise angetreten. Diese bedeutete für sie nie das Ende, sondern lediglich Abschied zu nehmen vom irdischen Dasein. Gerne hätte sie noch mehr Zeit mit ihren Lieben gehabt - das blieb ihr leider vergönnt. Den Tag an dem sie von uns gehen würde, bezeichnete sie stets als „den perfekten Tag”. Caroline sah dem Tod nicht mit Angst entgegen, sondern war überzeugt, dass sie an einen guten Platz kommen würde.


Sie liebte es - das Leben.

Sie genoss es - das Leben.

Sie wird es vermissen  - das Leben.

Caroline, wir danken dir für alles. Wir werden dich sehr vermissen.”

 

3 Antworten in “Trauerrede zur Beerdigung von Caroline Boss”

  1. sibylle sidler

    Eine wunderschöne Trauerrede.Herzlichen Dank, das wir sie auch lesen durften.
    Ich wünsche Ihnen allen viel Kaft!

    Herzliche Grüsse
    Sibylle Sidler

  2. Helen Schäfli

    Dem kann ich mich nur anschliessen. Auch für uns Internetgemeinde ist es sowas wie ein Abschiedsritual von Caroline, dass wir diese Trauerrede lesen durften.
    Vielen Dank.
    Helen

  3. Heidi Hirt

    Herzlichen Dank für die gehaltvolle Trauerrede und den berührenden Abschiedsbrief. Es ist tröstlich zu wissen, dass Caroline in grosser Geborgenheit von dieser Welt gehen konnte. Es freut mich auch zu spüren, dass sie während ihrer schwierigen Krankheit einen sie liebenden und verständisvollen Partner an ihrer Seite hatte. Ihnen und allen die sie liebten wünsche ich die nötige Kraft für die Zukunft.

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